In der sogenannten Juddegass bockten die Pferde
Alte Medenbacher erinnern sich an zwei Schmieden, die in den dreißiger Jahren bis weit in die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts im Dorf bestanden: die Schmiede vor uns in der ehemaligen Wiesengasse 63 und eine weitere in der Obergasse 28 (heute Fritz-Erler-Straße 29). Aber Harald Noll weiß auch noch von einer Schmiede in seinem Elternhaus und besitzt ein Arbeitsverzeichnis seines Urgroßvaters, des Landwirts und Schmiedes Christian Schmidt (1832 – 1903), aus den Jahren 1889 – 1891: „Meine Mutter hat mir als Kind den Raum der ehemaligen Schmiede gezeigt, dessen Wände stark verrußt waren. Dort lag noch Werkzeug."
Im vor uns befindlichen Gebäude wurde nicht nur eine Schmiede betrieben, es war auch das Wohnhaus der Hebamme Katharina Margarethe Dern (geboren 1837, gestorben 1903). Ihre 1867 geborene Tochter Luise war ab 1892 mit dem nachfolgend genannten „Wiesenschmied" verheiratet.
Ernst Dambmann erinnert an die 42 landwirtschaftlichen Betriebe im Medenbach der Nachkriegszeit und weiß, dass „de Schmitt" für die Bauern das wichtigste Handwerk im Dorf war.
Vor 100 Jahren war dies der „Alte Wiesenschmied" Ludwig Schmidt, geboren 1868. Die Schmiede übernahm später der Schwiegersohn Ludwig Schönborn aus Esch,1896 geboren. Auch dessen Sohn Ernst,1924 geboren, war Schmied und übte das Handwerk bis in die siebziger Jahre aus. Zeitweise arbeitete man zu dritt, zeitweise zu viert. Schönborn war umfangreich ausgerüstet. Rudi Noll erinnert sich, dass dort mit Transmission die Bohrmaschine angetrieben wurde und mit einem Schleifstein grob und fein geschliffen werden konnte: „Schönborn konnte früh mit Karbit autogenschweißen und trennen."
In den alten Huf- und Wagenschmieden wurden neben der Herstellung der Eisenreifen für die Wagenräder viele Arbeiten ausgeführt: Beschläge für andere handwerkliche Berufe - keine leichte Aufgabe! Schlösser, Riegel, Nägel, Ketten, Karst, Pickel, Hacken, Türbeschläge, Baubeschläge wie Ringanker wurden in Auftrag gegeben. An alten Häusern kann man noch heute die Bänder und kunstvollen Verankerungen erkennen, die vom Schmied hergestellt worden waren. Pflugscharen, Eggen, Hacken, Äxte und Disteleisen waren zu schärfen.
In den fünfziger Jahren wurden Traktoren angeschafft, die gummibereiften Wagen ersetzten die eisenbereiften. Alte ausgeschlachtete PKW - der Unterbau konnte größtenteils verwendet werden – wurden zu ein- oder zweiachsigen gummibereiften Pritschenwagen umgebaut. Hier war Schmied Schönborn gefragt, auch für die Vorrichtung zum Anhängen an den Traktor. Auch die vorhandenen Landmaschinen – bisher von Pferdefuhrwerken gezogen – mussten angepasst werden. Da er auch eine Landwirtschaft betrieb, konnte sich Schönborn die angepasste Nutzung gut vorstellen. Sogar Breckenheimer, Wildsächser und Auringer Leut‘ waren Kunden in der Medenbacher Schmiede.
Und natürlich waren die Pferde zu beschlagen. Die Hufschmiede hatten inzwischen Hufeisenrohlinge, die angepasst wurden. Dies war eine große Quälerei für die Tiere. Oft hielten sie nicht still. Dann wurde ihnen ein Strick mit einem Holz innen ums Maul gelegt und zugedreht, bis sie Ruhe gaben (man sprach von der Bremse, es ist gebremst worden). Bei der Arbeit konnte es schon einmal grob zugehen, wenn die Gäule ausschlugen und unruhig wurden. „Die Gäul wollte in de >Juddegass< (da war die Schmiede) net weiter un hielte an", erinnert sich Ernst Dambmann.
Gezahlt wurde am Ende des Jahres. Werner Schönborn hat dem Heimatverein Einsicht in ein dickes Abrechnungsbuch ermöglicht. Dort hat sein Großvater von 1935 bis 1937 und von 1947 bis 1953 sorgfältig geführte Verzeichnisse für die durchgeführten Schmiedearbeiten angelegt. Es beginnt mit Emil Best und einer Jahresrechnung von 15,70 RM. Die Milchsammelstelle hatte offensichtlich gebaut, sie erhielt: 2 Anker-Klammern - 13 kg für 6,24 RM, Schrauben und Platte - 57 kg für 34,20 RM, Winkel, Winkeleisen usw. Johann Heinrich Noll zahlte für zwei neue Hufeisen 3,50 RM, zwei alte Hufeisen 2,80 RM und diese warm aufgeschlagen
2,30 RM, 1 Pferd ausgeschoren 1,80 RM. Die Jahresrechnung betrug 35,85 RM.
Der Einzug des Traktors, die Anschaffung verschiedener landwirtschaftlicher Maschinen, der Strukturwandel in der Landwirtschaft – die Dorfschmieden verloren in den siebziger Jahren ihre Bedeutung für die Landwirtschaft und für die dörfliche Kommunikation.