Die Fränkische Hofreite

In der Hofreite 2 - ehemals Vordergasse 14

Schmuckstück" in der ehemaligen Vordergasse
Die alte Vordergasse, in der Nachkriegszeit gefälliger in Vorderstraße umbenannt und im Dorf wegen dort ansässiger reicher Bauern auch „die Börse" genannt, wurde nach der notwendigen Namensänderung durch die Gebietsreform entsprechend den Vorschlägen einer Bürgerinitiative zur Straße „In der Hofreite". Die bäuerliche Siedlungsform der Hofreite und der dörfliche Charakter waren trotz einiger baulicher Veränderungen noch gut zu erkennen: am hohen Torhaus, dem Wohnhaus zur Straße hin und einem Innenhof mit den Nebengebäuden (früher: Viehställe und Scheune).

Eine dieser Hofreiten fällt schon wegen ihres eindrucksvollen Fachwerkes und seiner farbigen Gestaltung ins Auge. „Eines der schönsten Fachwerkhäuser Wiesbadens", zeigte sich das Wiesbadener Tagblatt bereits 1980 in einem Bericht begeistert. Nur ältere Medenbacher erinnern sich noch an das der Zeit entsprechend modernisierte Wohnhaus des Gehöftes von Waldemar Bohrmann: an die Eternit-Verkleidung und an die beiden großen Fenster.

Bernd Fäthke berichtet vom Erwerb 1974: „Bei der Besichtigung war für meine Frau und mich zu erkennen, dass unter der Fassadenverkleidung ein altes Fachwerk verborgen war. Wir nahmen uns vor, dessen Schönheit und die ursprünglichen, damals zugemauerten drei Fenster, wieder sichtbar werden zu lassen.
Am 1.1.1975 sind wir eingezogen und haben zunächst das Wohnhaus innen notdürftig hergerichtet. Gründlich restauriert wurde es erst 1989. Malermeister Gleede aus Medenbach hat im März 1980 zunächst das Haus freigeschlagen. Mit einem Zimmermann, viel Eigenleistung und Mithilfe von Anwohnern konnte in drei Monaten das äußere Bild des Hauses wieder hergestellt werden. Dazu gehörte auch die Freilegung der Taunusbruchsteine des Sockels vom Zementputz. 
Die reichhaltigen rund 800 Verzierungen am Balkenwerk aus schräggestellten und rhombenförmigen Klötzchen mit mittig eingefügten Herzchen waren überwiegend zerstört. Einen Winter lang habe ich über 700 Klötzchen gesägt, meine Frau hat sie gelb und blau eingefärbt und im Frühjahr habe ich sie festgenagelt und geleimt." Auffällig sind auch die insgesamt sieben Dachreiter auf den verschiedenen Dächern.

Zur Geschichte des Hauses haben Fäthkes zusammen mit Dieter Engel, dem Vorsitzenden des Heimat- und Geschichtsvereins, die alten ortsansässigen Familien Fischer und Noll und deren Nachfahren in den Kirchenbüchern ab 1772 als Eigentümer festgestellt. Das Haus selbst ist einige Jahrzehnte älter, um 1700 dürfte es zu datieren sein. Das belegt der Fund von zwei Keramikfliesen auf dem Dachboden, die 1737 als Jahreszahl tragen und Teil des Fußbodenbelags für die Kornlagerung waren. Diese Fliesen sind heute in den Fußboden des Arbeitszimmers eingepasst. Balken über dem ehemaligen Viehstall sollen nach Auskunft von Willi Kleber aus den Ruinen des im Dreißigjährigen Krieg untergegangenen Dorfes Costloff nahe Medenbach stammen. Ein „verkämmtes" Fachwerk, das sehr selten ist, belegt seine Aussage.

In der 1809 erbauten Scheune ist ein Eichenbalken mit der Jahreszahl 1686 verbaut. Es handelt sich um eine Wiederverwendung. Der Balken über dem Scheunentor trägt eine besondere Inschrift:

Dies interpretieren Volkskundler der Universität Mainz wie folgt: „Der Name der Frau ist in kleinerer Schrift aufgeführt als der des Mannes. Das bedeutet, dass die Ehefrau bei der Heirat mit keiner Mitgift ausgestattet war. Jedoch ist ihr Name in ein Herz geschrieben. Es war also eine Liebesheirat."

Das Dach der Scheune schien 1984 zunächst nicht mehr zu retten. Wo die für eine Restaurierung benötigten „Biberschwänze", Dachreiter und Gratziegel hernehmen? Fäthkes sammelten in zwei Jahren rund 4000 Tonziegel, zudem stellte die „Untere Denkmalpflege" von abgebrochenen Häusern 2000 Stück zur Verfügung. Auch zum Bau des Torhauses gibt es noch Informationen. „Erbaut von Emil Bohrmann und Lina Bohrmann im Jahre 1908", zeigt eine Inschrift an. Auch der Brunnen ist noch zu erwähnen. Emil Bohrmann hat ihn 1901 von der Gemeinde gekauft und umbaut – einen ehemaligen mittelalterlichen Dorfbrunnen. Für die Familie und das Vieh wurde er Jahrzehnte genutzt, ab 1952 noch für das Vieh.

Das Wohngebäude war einstmals alleinstehend. Es bestand ein freier Blick auf die Kirche und in die Untergasse. Über die frühe Nutzung können nur Vermutungen angestellt werden. Die Zimmerhöhe von 2,60 und die prachtvolle Fassade deuten auf ein Pfarrhaus oder Amtshaus hin. Um 1700 dürfte es zu datieren sein. Reisende Zimmerleute aus dem Hannoveranischen könnten es errichtet haben.

Innen hat das Haus durch die Herausnahme beengender Zwischenwände, das Hervorheben der Balkenkonstruktion und den Einsatz von Spiegeln viel Licht und eine warme Atmosphäre gewonnen. Räume sind hinzugekommen. Die frühere Futterküche wurde mit dem Wohnhaus verbunden und beherbergt heute ein komfortables Bad. Die ehemaligen Lagerräume über dem Torhaus erweitern das Obergeschoss mit großzügigen Wohnräumen und sind, zum Hof hin, mit großen Fenstern belichtet. Keine modernen Materialien sollten für das Fachwerkgebäude verwendet werden, um eine gute Stabilität zu erreichen. Aufwändig war die Suche nach den der jeweiligen Bauzeit entsprechenden Baustoffen.

Der Hof zeigt sich großzügig mit seinem alten Pflaster aus „Katzenköppen". Mit seinem Blumenschmuck - Kletterrosen, Kletterhortensie und Blauregen - entsteht eine angenehme Atmosphäre. Im Sommer vergrößert sich der Wohnbereich ins Freie hin.

An verschiedenen Stellen im Haus hat Ehepaar Fäthke Fundstücke aus der Restaurierungszeit einbezogen: ein biedermeierliches Weihegefäß mit Zwiebelmuster, handgefertigte Dachziegel mit einfachen Mustern, sogenannte „Feierabendziegel", die letzten Ziegel eines Tagwerkes. Die Lehne der Eckbank in der Küche besteht aus den Eichentreppenstufen der ehemaligen Speichertreppe und alten Scheunenbrettern als Sitz. Bunte Jugendstilfliesen zieren die Küche, gerade noch beim Abriss eines alten Metzgerladens in Wiesbaden gerettet. Im Fußboden der Diele konnten kunstvolle Keramikfliesen des 16. Jahrhunderts aus einem ehemaligen Kloster verlegt, in die Tür Jugendstilglas eingesetzt werden. Alte farbige Bier- und Weinflaschen aus dem Keller schmücken den Dielenbereich.

Berthold Buber, langjähriger Leiter der städtischen Denkmalpflege, nannte das Anwesen „ein besonders sorgfältig restauriertes Beispiel" einer fränkischen Hofanlage. Dass auch alte Gebäude Wohn- und Lebensqualität zu bieten haben, ist eindrucksvoll bewiesen!

2015 kam es zu einem Eigentümerwechsel. Stefan und Regina Gilles, schon lange in Medenbach ansässig, erwarben das beachtenswerte Anwesen und bewohnen es heute. Inzwischen wurden umfangreiche Reparatur- und Erhaltungsmaßnahmen der Bedeutung der Hofreite entsprechend von den heutigen Eigentümern durchgeführt.